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Erwartungshaltung der Mitglieder und Bürokratie des Staates belasten zunehmend das Ehrenamt

Traunstein. Über das Thema „Sport und Ehrenamt“ ging es beim Stadtstammtisch von CSU und UW mit dem gemeinsamen Oberbürgermeisterkandidat Dr. Christian Hümmer im Vereinsheim der DJK Traunstein. Prominente und kundige Teilnehmer waren Martin Braxenthaler, mehrfacher Paralympics-Sieger, Weltmeister und Welt-Cup-Sieger bei den Monoski-Fahrern, sowie Tobias Steinberger, ehemals Mitglied im Nationalkader der Sportschützen und Medaillengewinner bei Junioren-Welt- und Europameisterschaften.


Braxenthaler wies auf die große Sporttradition des Landkreises Traunstein hin. Der Sport brauche jedoch Vorbilder, auch im Breitensport. Werte, die der Sport vermittle, wie Respekt, Fairness und Teamgeist, bräuchten alle in der Gesellschaft im gegenseitigen Umgang, betonte er. Dies gehe leider in der heutigen Gesellschaft oft verloren. Deshalb brauche man alle Vereine, vor allem aber die Sportvereine, die andere mitnehmen. Dies könne durch das sportliche Leben gewährleistet werden. Die Verein müssten sich Gedanken machen, wie sich die Leuten wieder für ein Ehrenamt motivieren, indem sie frühzeitig mitnehmen und ihnen Verantwortung übertragen.
Dr. Hümmer meinte, die Gesellschaft müsse mehr diejenigen wertschätzen, die das alles ehrenamtlich organisierten. Oft seien die Erwartungshaltung der Mitglieder und die Anforderungen der Bürokratie gegenüber der Vereinsführung sehr hoch. Gesucht würden aber auch Übungsleiter, die sich auf den Sportplatz stellen. Oft werde der Wunsch geäußert, die Kommunen sollten die Vereine bei der Bewältigung der Bürokratie, zum Beispiel bei der Bearbeitung von Förderanträgen, unterstützen.
Steinberger unterstrich, vor allem die überörtlichen Förderanträge an Sportverbände oder die Regierung seien sehr kompliziert und umfangreich. Wegen der langen Bearbeitungszeit und damit verzögerten Auszahlung sei es immer wieder schwierig, die Finanzierung von Baumaßnahmen zu überbrücken. Darüber hinaus „stinke“ es ihm, dass Luftgewehre und Luftpistolen zwar nicht erlaubnispflichtig seien, aber unter das Waffenrecht fielen. Nicht gefiel ihm ebenfalls, dass die Übungsleiter unter Generalverdacht gestellt würden, weil sie immer wieder ein Führungszeugnis zur Überprüfung der Vertrauenswürdigkeit vorlegen müssten, wenn sie mit Jugendlichen arbeiten, und die Standaufsichten vom Schützenverein gemeldet werden müssten. Dies passt seiner Meinung nicht mit der Forderung, das Ehrenamt müsse gefördert werden, zusammen. Eine Chance, Nachwuchs für das Ehrenamt zu gewinnen, sah Steinberger darin, junge Leute möglichst bald in den Vorstand einzubinden, Andernfalls drohe ein Vereinssterben.
Dr. Hümmer stellte die Frage in den Raum, ob nicht der Stadtverband der Sportvereine über die reine Geldverteilung an die Vereine auch gleichgelagerte Verwaltungsarbeiten der Vereine übernehmen könnte. Auch die Vorstände wollten schließlich ihren Sport ausüben und sich nicht nur mit der Bürokratie beschäftigen. Sie kämen nicht dazu, was ihnen am Herzen liege, nämlich sich um den Sport, besonders für Kinder, zu kümmern, um die Jugend von den Medien weg zu bekommen. Steinberger meinte, die bestehenden Gesetze müssten erfüllt werden. Deshalb müsse der Staat unnötige Gesetze „kassieren“.
Auch Braxenthaler sah in der Bürokratie eine große Herausforderung. Es müssten geschickte bürokratische Lösungen gefunden werden, wo alle in einen Topf hineinpassten. Die Vereine müssten Leute finden, die sich dieser Herausforderung stellten, aber auch mit Leidenschaft Sport machten. Künftig stelle sich immer mehr die Aufgabe, wie ein Verein dem entgegenwirken könne, dass er keine Vorstandschaft oder Übungsleiter mehr hat. Bei den juristischen Teilen seiner Trainerausbildung habe er erkannt, welche Risiken er mit der Ausübung des Traineramts eingehe.
Aus der Runde wurde die Frage gestellt,  wie man zukünftig gleichgesinnte Vereine einschließlich Sportstättenbau am Leben erhalten könne. Fusionen könnten einen Nutzen haben, aber dadurch würde ein Stück Kulturgut verloren gehen. Die Thematik, wie man sich für die Zukunft aufstellen könne, sollte alle beschäftigen. Steinberger meinte, man müsse das Wissen der Vereine in der Stadt bündeln. Bürokratische Hürden zu überwinden, sei mühsam, weil es zu viele „Verhinderer“ gebe. Dr. Hümmer erklärte, oft werde von den Mitgliedern, aber auch Dachverbänden vergessen, dass die Vorstände ihre Arbeit in ihrer Freizeit machen. Weil dies frustrierend sei, bekommen man oft keine Vorstände mehr.
Konrad Steinberger sagte, nur ein kleiner Teil der vom Stadtverband der Sportvereine verteilten Gelder sei für die Betriebskosten gedacht und nicht erhöht worden, obwohl diese stetig steigen. Sohn Tobias machte auf die Ungleichheit der Sportförderung gegenüber der Kulturförderung aufmerksam. Die Stadt müsse auf der Seite des Sports etwas drauflegen, „damit die Wippe nicht aufschnappt“. Er forderte auch für die Kultur einen Stadtverband, um die Kulturförderung transparent zu machen. Dem pflichtete Josef Kaiser bei. Der Trachtenverein Traunstein erhalte für 50 Kinder und Jugendliche pauschal 340 Euro Förderung. Die Gelder müssten gerecht verteilt werden, denn die kulturelle Förderung gehe aber nur in eine Richtung. Der DJK-Vorsitzende Stefan Gilch wies ebenfalls auf die Ungleichheit und mangelnde Transparenz  bei der Sportförderung hin. Während traunabwärts ein Sportzentrum entstanden sei, warte sein Verein seit Jahren darauf, dass die Zufahrt zum Sportgelände hergerichtet werde.
Kultur und Sport sei eine Frage der Prioritäten, antwortete Dr. Hümmer. Die Stadt fördere kulturelle Prestigeobjekte, müsse aber für die Breite wieder mehr tun. Wenn die Gesellschaft nicht zusammenhalte, gingen wir harten Zeiten entgegen.
Martha Vogel kritisierte die mangelnde Transparenz bei Bauvorhaben. Ein Problem für die Vereine sah sie darin, dass die Kinder immer länger in der Schule blieben. Die Herausforderung für die Vereine liege darin, wie sie ihre Trainingszeiten mit den Schulen in Einklang kriegen könnten.
Otto Baur machte auf das Spannungsfeld von Kosten und Nutzen aufmerksam. Einerseits sollte am besten alles nichts kosten, anderer stiegen die Aufwendungen für Wettkampfbetrieb, Schiedsrichter, Fahrtkosten und dergleichen. Bjr

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