Podiumsdiskussion zur Frage: Wie gut ist unser Gesundheitswesen gerüstet?

Schlagzeilen über Ärztemangel, Apothekenschließungen und Pflegenotstand verunsichern die Bevölkerung und schüren regelrecht die Angst vor dem Altwerden. Doch wie ist die Situation tatsächlich und welche Maßnahmen sind notwendig, um den Herausforderungen des demographischen Wandels zu begegnen – dies wollten Bezirksrätin Annemarie Funke, Vorsitzende der Projektgruppe „Demografische Entwicklung, Senioren, Pflege ..." des CSU-Kreisverbandes Traunstein und Dr. Christine Ahlheim, Kreisvorsitzende des Gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CSU, in einer Podiumsdiskussion mit sachkompetenten Gästen klären.

 

Einig waren sich alle Beteiligten darüber, dass man im Landkreis Traunstein in Sachen Gesundheitsversorgung noch auf einer „Insel der Seligen“ lebt. In anderen Gegenden Deutschlands, so Dr. Dolf Hufnagl, HNO-Arzt und 2. Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns,

sieht dies ganz anders aus: Dort muss man teilweise 50 bis 60 km zum HNO-Arzt fahren - falls man überhaupt einen Termin bekommt. Verantwortlich für diesen Ärztemangel sei, dass viele Absolventen der Medizin nach dem Studium gar nicht im Arztberuf tätig seien und zudem zwei Drittel der Medizinstudenten weiblich seien und deshalb später oft nicht voll berufstätig.

Erwin Köck, niedergelassener Allgemeinmediziner aus Traunreut, machte darauf aufmerksam, dass der Landkreis Traunstein zwar bei den Hausärzten einen Versorgungsgrad von 120 % aufweise, aber 30 % der Hausärzte älter als 60 Jahre seien. Da die Ärzte ab 60 von der Teilnahme am Notdienst befreit seien, würden die Notdienstbezirke immer größer. Wichtig sei, dass die Bedarfsplanung kleinflächiger werde. Köck wünscht sich von der Politik eine Entbürokratisierung und größeren Handlungsspielraum dafür, dass er älteren Patienten mehr Ergo- und Physiotherapie z.B. zur Sturzprophylaxe verordnen könne, ohne Angst vor Regressen haben zu müssen.

Apotheker Georg Hofmann, Inhaber der Stern- und der Löwen-Apotheke in Traunreut sowie 1. Vorsitzender des Bezirksverbands Oberbayern Südost des Bayerischen Apothekerverbands, berichtete, dass der bundesweite Rückgang an Apotheken den Landkreis Traunstein bislang verschont habe: Hier gibt es 45 Apotheken, davon sind 17 allein an ihrem Standort – wo sie allerdings vermutlich nur verbleiben werden, solange es dort auch eine Arztpraxis gebe. Hofmann bedauert, dass die Apotheker beim geplanten Präventionsgesetz nicht einbezogen würden: Die rund 20.000 öffentlichen Apotheken hätten täglich 4 Millionen Kundenkontakte und seien daher prädestiniert dafür, in der Prävention tätig zu sein.

VdK-Kreisvorsitzender Rudi Göbel sieht insbesondere in der hausärztlichen Versorgung für die ältere Bevölkerung eine zentrale Bedeutung, weil durch gute medizinische Begleitung der Pflegefall evtl. verhindert bzw. hinausgeschoben werden könne. In Bezug auf die älteren Menschen, die womöglich auch nicht mehr mobil sind, sollten bei fehlenden Hausärzten sogenannte Gemeindeschwestern wieder vor Ort sein. Die ärztliche Betreuung in Seniorenheimen stelle eine Herausforderung dar. Er könnte den Vorschlag unterstützen, Ärzte ausschließlich für die Betreuung von Alteneinrichtungen zu gewinnen. Prof. Dr. Dieter Benatzky, Gesundheitsökonom und GPA-Kreisvorsitzender Rosenheim, führte aus, dass der demographische Wandel nicht unterschätzt werden dürfe: In drei Jahrzehnten sei ein Drittel der Gesamtbevölkerung in Deutschland über 65 Jahre alt. Dann müsste der Krankenkassenbeitrag bei gleicher Versorgung auf 20 % erhöht werden. Gegensteuern könne jeder Einzelne z. B. durch richtige Ernährung, Bewegung und sozialen Ausgleich. Der Landkreis Traunstein habe hier schon entsprechende Überlegungen durchgeführt. Bereits heute zeige sich, dass Ärzte nach Abschluss ihres Studiums eher angestellt sein wollten, z. B. auch in Medizinischen Versorgungszentren. Insgesamt müsse die Niederlassung auf dem Land attraktiver und die Zulassungsbedingungen für Medizinstudenten verändert werden. Wichtig sei, so Benatzky, dass „der Mensch wieder mehr im Mittelpunkt“ stehe.

Für Bezirksrätin Annemarie Funke und Dr. Christine Ahlheim hat die Veranstaltung wiederum gezeigt, dass sich Politik, Gesellschaft und jeder Einzelne den Auswirkungen des demographischen Wandels insbesondere eben auch in der Gesundheitsversorgung stellen müssen. Notwendig sind vor allem Entbürokratisierung sowie die Erarbeitung von Präventionsprogrammen auf regionaler Ebene, aber auch die Weiterentwicklung der Pflege mit der Schaffung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs – das wollen beide bei ihrer politischen Basisarbeit unterstützen und transparent machen.

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Bildunterschrift:

Eine lebhafte Diskussion über die Herausforderungen des demographischen Wandels für das Gesundheitswesen führten (von links) Prof. Dr. Dieter Benatzky, Dr. Dolf Hufnagl, Georg Hofmann, Dr. Christine Ahlheim, Annemarie Funke, Erwin Köck und Rudi Göbel.

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